Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Master-Lehrforschungsprojekt SoSe 2019 / WiSe 2019/20

„Auf See. Kreuzfahrten kulturwissenschaftlich betrachtet“

(Projektleitung: Dr. Christine Bischoff)

Zum Inhalt des Projekts:

In See stechen, zu neuen Ufern aufbrechen, den Horizont erweitern – seit der Romantik ist die Weite des Meeres zum Synonym von Freiheit geworden. Kreuzfahrten sind jedoch ein relativ junges touristisches Phänomen, dessen Geschichte erst Ende des 19. Jahrhunderts beginnt. Zu diesem Zeitpunkt gehörten andere Urlaubsarten bereits zum etablierten Repertoire des damaligen Reisepublikums, das über die finanziellen Mittel und die freie Zeit verfügte, sich die Sehnsucht nach unbekannter Ferne und neuen Erfahrungen zu erfüllen. Im Gegensatz zu Städten, Küsten und Bergen waren Ozeane und Meere bis dahin noch keine touristischen Zielgebiete. Sie wurden nicht in erster Linie für Vergnügungsreisen, sondern für den internationalen Transport von Menschen und Waren genutzt – beispielsweise für den Schiffsverkehr zwischen Europa, den USA, Südamerika und den überseeischen Kolonien.
Seit den 1990er-Jahren konnte der internationale Kreuzfahrtmarkt einen anhaltenden Boom verzeichnen. Keine andere touristische Industrie wuchs seither so schnell. Mit großen, multifunktionalen Schiffen ist es europäischen Reedereien wie AIDA, Costa und MSC gelungen, ein breites Publikum anzusprechen und den Kreuzfahrten durch Standardisierung und Normierung den Nimbus der Exklusivität zu nehmen. Sie werden damit aber auch zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen: Umweltorganisationen kritisieren die großen ökologischen Belastungen, internationale Arbeitsorganisationen bemängeln die harten Arbeitsbedingungen an Bord. Die Anwohner*innen der Zielgebiete nennen die gigantischen Schiffe in der Größe einer Kleinstadt häufig „Seeungeheuer“ und beklagen, dass sie unter den massenhaften Besucherströmen leiden. Nicht zuletzt bietet das Kreuzfahrtschiff als Ort des Abenteuers, des Fortkommens, aber auch der Unsicherheit und Liminalität (Jahr für Jahr kommen Dutzende Passagier*innen und Crewmitglieder ums Leben oder verschwinden) Stoff für unterschiedliche Medien- und Unterhaltungsformate. Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen die „Giganten zur See“ weitgehend still und die Urlaubsform Kreuzfahrt zur Disposition.

Kontext des Projekts:

Im Rahmen des Projektstudiums, das am Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde integraler Bestandteil des Masterstudiengangs ist, haben 15 Studierende im Sommersemester 2019 und Wintersemester 2019/2020 verschiedene Teilstudien zum Thema „Kreuzfahrten“ konzipiert und durchgeführt und präsentieren ihre Forschungsergebnisse in Form eines Sammelbandes (Erscheinungstermin März 2021). Kreuzfahrten werden in diesem Projekt, wie es typisch für das Fach Europäische Ethnologie/Volkskunde ist, multiperspektivisch, multimethodisch und sowohl historisch als auch gegenwartsorientiert untersucht. Das bedeutet, Kreuzfahrten werden nicht einfach nur als touristisches Phänomen betrachtet, sondern die Masterstudierenden haben erforscht, welche Dynamiken diese Reiseform in Bezug auf Fragen u. a. von Ökonomie und Ökologie, Arbeitswelt und Technologie, Mobilität und (Über-)Tourismus, Globalisierung und Lokalität, Politik und Lebensstilen entfaltet.

Konzeption des Buches:

Die Forschungsergebnisse des Projekts werden in einem Sammelband veröffentlicht, der im Waxmann-Verlag im Frühjahr 2021 erscheint. Ziel ist es, mit dem Buch nicht nur ein universitäres, sondern ebenso an maritimer Kultur, an Schifffahrt und regionaler sowie historischer Kultur interessiertes Publikum anzusprechen.Buchcover

Aus dem Inhalt:

 

Christine Bischoff
Einleitung
Mythos und Geschichte(n)

Felix Poulheim
Die Arbeit am „ozeanischen Gefühl“: Erhabenheit erleben auf dem Kreuzfahrtschiff

Kirsten Juliane Gerhardt
Kreuzfahrten – ihre Vorgänger und Verwandten. Aneignungsformen
des temporären Lebensraums „Schiff“ im historischen Vergleich

Claudius Loose
Die zweite Mittelmeerfahrt des Dampfers General San Martin.
Einblicke in eine Kreuzfahrt aus dem Jahr 1925
Materialität und Medialität

Nora Müller
Inszenierung von Urlaubswelten. Ethnografische Erkundungen zur Architektur von Kreuzfahrtschiffen

Malika Stark/Cora Wiggers
120 Jahre Kreuzfahrtwerbung: veränderte Reisemotivationen und
deren bildhafte Repräsentation

Jessica Conrad
Die Bordkarte. Aktant und Artefakt

Christoph Rave
,,Der Weg ist das Ziel'' – über die Blaue Linie in Kiel

Praktiken und Performanzen

Joana Schröder
„So ein Leberwurstbrot wäre auch mal wieder etwas Schönes!“
Zwischen kulinarischer Vielfalt, Vergnügung und Völlerei auf Kreuzfahrtschiffen

Charleen Niemeyer
Kleidung auf Passagierschiffen während der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: das Beispiel RMS Titanic

Sigrun Benesch
Doing History am Beispiel Titanic: zur Adaption historischer Kleidung in der Gegenwart
Ökonomie und Ökologie

Alexander Kleinfeld
Reisende Arbeiter*innen auf See.
(Be-)deutungen des Kreuzfahrtschiffes im Kontext von Arbeit im Entertainmentbereich

Nikolaus Träuptmann
Werften und Reedereien: die Kreuzfahrtindustrie im Spannungsfeld von Natur, Umwelt und Technik

Rabea Bahr
#SmashCruiseShit in Kiel. Über die kulturellen Ausformungen eines Protests

Julia Schröder
Kreuzfahrt in Zahlen

Nähere Informationen zum Projekt finden sich unter:
https://www.kreuzfahrtkulturforschung.uni-kiel.de/de 

Ansprechpartnerin für Rückfragen: Dr. Christine Bischoff (bischoff@uni-kiel.de)