Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Projekt

Verlusterfahrung und Dokumentationsstrategien. Zur Materialität von Endlichkeit um 1900

 

Projektleitung: Prof. Dr. Silke Göttsch-Elten

 

Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“, dessen Manuskript vermutlich schon 1914 vorlag und das 1917 erstmals veröffentlicht wurde, gehörte in den 1920er Jahren zu den Bestsellern der kulturkritisch gestimmten bürgerlichen Mittelschicht. Der programmatische Titel hatte eine Stimmung auf den Punkt gebracht, die verstärkt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert breite gesellschaftliche Akzeptanz besaß. Die Erfahrung von der Zeitlichkeit sozialer Figurationen und ihrer Materialisierungen hatte sich angesichts des rasanten Wandels der Gesellschaft in dieser Zeit erheblich dynamisiert. Als Reaktion entstanden eine Reihe von institutionalisierten (z. B. Bund: Heimatschutz, Denkmal- und Naturschutzbewegungen) und informellen (z. B. Heimatkunstbewegung, lokale und regionale Heimatvereine) Bewegungen, die diese Veränderungen als Verlust vertrauter Lebenswelten interpretierten und sich selbst zu Agenten des Bewahrens ernannten. Die Polarisierung von Modernisierung und Zerstörung, De-Stabilisierung und Stabilität forcierte eine Mentalität, die Endlichkeit als allumfassende „Signatur der Moderne“ ausmachte. „Untergang“, „Verlust“, „Zerstörung“ wurden zu Metaphern eines Lebensgefühls und in den kulturkritischen Debatten jener Zeit zentral. Diese Diagnose brachte aber nicht nur Rhetorik hervor, sondern verstärkt auch Praktiken des Bewahrens. Dazu gehören so unterschiedliche Aktivitäten wie Volkstumspflege, Heimat-, Natur- und Denkmalschutz, methodisch reflektierte ethnologische Feldforschung aber auch der Einsatz neuer technischer Medien wie Photographie und Phonograph. „Einem historisierenden, sammelnden, zerstörenden und renovierenden Jahrhundert war mit einem Mal die Furcht genommen, irgendwas verlieren zu können“, so fasst der Kunsthistoriker Paul Kemp die Bedeutung der Photographie für den Heimat- und Denkmalschutz am Ende des 19. Jahrhunderts zusammen. An der Herausbildung dieser Praktiken waren sehr unterschiedliche Akteure beteiligt: Museumswissenschaftler, Architekten, Kunsthistoriker, Heimatkundler, Volkskundler, Historiker oder Männer, die sich neben ihrem Beruf in unterschiedlichen Sparten der Heimatbewegung engagierten. Sie waren keinem einheitlichen politischen Lager zuzuordnen, sondern gehörten den unterschiedlichsten Milieus von der Arbeiterbewegung bis hin zu konservativen und völkischen Kreisen an. Während die Geschichte der Institutionen (Natur- und Denkmalschutz, Heimatbewegung, Museen und Sammlungen) hinreichend bearbeitet zu sein scheint, ist die Frage nach den zugrundeliegenden Metaphern, den rhetorischen Figuren, also nach dem Diskurs über Verlust und Bewahren, die die Praktiken des Konservierens und Bewahrens legitimierten, bisher nicht beachtet worden. Dabei sind sie besonders aussagekräftig, wenn es um die Wahrnehmung des Wandels in der Zeit um 1900 geht. Denn Transformationsprozesse erzeugen Ungleichzeitigkeiten, denen mit erhöhter Reflexivität begegnet wird. Der als De-Stabilisierung wahrgenommene gesellschaftliche wurde als Phänomen von Endlichkeit gedeutet und in ein Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart/Zukunft gesetzt. Vergangenheit (Überschaubarkeit, Vertrautheit, lokale, regionale Traditionen, stabile soziale Ordnungen) ist dabei die Referenzordnung, an der Gegenwart abgeglichen wird. Hier entstehen Denkfiguren, Bilder, Deutungen, Wissensordnungen, die für die Wahrnehmung und Interpretation moderner Lebenswelten bis heute relevant sind.

 

Eingereicht im Rahmen eines Vorantrages des SFB „Erfahrung und Umgang mit Endlichkeit“.