Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Projekt

"Grenz- und Auslandsdeutschtum" als Forschungsfeld. Zur wissenschaftlichen Konzeption eines modernen Minderheitenverständnisses in der Weimarer Republik

 

Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

 

 

Projektleitung: Prof. Dr. Silke Göttsch-Elten

Projektmitarbeiterin: Dr. Cornelia Eisler 

 


Als Folge des Ersten Weltkrieges und in Reaktion auf die Gebietsabtretungen, die das Deutsche Reich im Zusammenhang mit der Kriegsniederlage zu leisten hatte, erhielt die Thematik des ‚Grenz- und Auslandsdeutschums‘ in der Zeit der Weimarer Republik breite gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Unter dem Einfluss nationalistischer Verbände wurde den deutschen Minderheiten im Ausland zunehmend kulturpolitische Bedeutung zugesprochen. Zugleich entwickelte sich die Beschäftigung mit den so genannten ‚Grenz- und Auslandsdeutschen‘ zu einem wichtigen Element der Wissensproduktion von Historikern, Geographen und Volkskundlern. Eigenständige Institute und private Vereine, die sich auf diesen Untersuchungsgegenstand spezialisierten, wurden gegründet und ihre Mitarbeiter beteiligten sich an national bestimmte Forschungsaktivitäten etwa im Rahmen wissenschaftlicher Großprojekte wie dem Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums und dem Atlas der deutschen Volkskunde.


Das Ziel des Projektes ist es, das Wirken der Institutionen, ihrer Initiatoren und Mitarbeiter zu ergründen und anhand der zeitgenössischen Fachliteratur diskursanalytisch zu untersuchen, wie die als deutsch geltende, außerstaatliche Bevölkerung in den Forschungen zum ‚Grenz- und Auslandsdeutschtum‘ im Deutschen Reich wahrgenommen und konzipiert, welche kulturellen Deutungen und Vorstellungen in den Instituten und Vereinen entwickelt wurden. Den Schwerpunkt bilden die von volkskundlichen Akteuren entwickelten Identitätsofferten und Konzepte deutscher Minderheiten, die in einer Zeit enstanden, als sich das Fach akademisch zu institutionalisieren begann. In dieser Übergangsphase der Fachvertretung durch Einzelpersonen zur Etablierung von volkskundlichen Lehrstühlen und Instituten an den Universitäten bot die Beschäftigung mit dem ‚Auslandsdeutschtum‘ womöglich trotz oder gerade wegen der Nähe zu politischen Fragen ein Forschungsfeld, durch das sie sich neben anderen Fächern als gleichwertig etablieren konnte, zumal ihr von außen, etwa durch die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft beachtliche Kompetenz in dieser Hinsicht zugeschrieben wurde. Ausgehend von Minderheiten als analytischer Kategorie und zugleich als bestehenden sozialen Gruppengefügen wird es bei der Analyse der wissenschaftlichen Texte um die Fragen gehen, unter welchen Prämissen die Bedeutungszuschreibungen erfolgten und wie die fachwissenschaftlichen Beiträge im Kontext der Kultur- und Identitätspolitik positioniert wurden, bevor die Thematik des ‚Grenz- und Auslanddeutschtums‘ zum nationalsozialistischen, bevölkerungspolitischen Programm stilisiert wurde.