Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Fachgeschichte

1966, mit der Berufung von Karl-S. Kramer (1916–1998) aus München, wurde das Seminar für Volkskunde begründet. Damit war auch ein Perspektivwechsel in der Ausrichtung der Kieler Volkskunde verbunden. Karl-S. Kramer hatte in seiner Münchener Zeit gemeinsam mit Hans Moser die „historisch-archivalische Methode“ mit dem Ziel einer „exakten Geschichtsschreibung der Volkskultur“ von 1500 – 1800 entwickelt. Damit erhielt das Kieler Institut einen seiner bis heute wichtigsten Forschungsschwerpunkte, nämlich die historische Volkskunde, die sich vor allem den Lebensverhältnissen und der kulturellen Praxis des 16. bis 20. Jahrhunderts widmete und die ihren Niederschlag in einer umfangreichen und sich ständig erweiternden Quellenkartei zur schleswig-holsteinischen Volkskultur bis in die Kaiserzeit gefunden hat. Daraus sind zahlreiche Forschungsprojekte und Veröffentlichungen sowie Magisterarbeiten und Dissertationen zur historischen Alltagskultur der dörflichen und städtischen Lebenswelt entstanden.

 Die intensive Diskussion der letzten Jahrzehnte um Fachgeschichte und -inhalte, Methoden und theoretische Zugänge hat zu einer Neupositionierung der Volkskunde in der Wissenschaftslandschaft geführt, die sich auch in der in Kiel 2001 vollzogenen Umbenennung des Instituts in Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde ausdrückt. Europäische Ethnologie trägt der zunehmenden Internationalisierung der Wissenschaften als auch der Transdisziplinarität von Forschung und Lehre Rechnung und meint ein Fachverständnis, das Kultur nicht in einem nationalen Horizont deutet, sondern nach dem Menschen und seinen kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten in europäisch vergleichender Perspektive fragt. Die nach dem Schrägstrich angefügte klassische Fachbezeichnung Volkskunde soll die Beibehaltung einer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung am Kieler Seminar signalisieren.