Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Europäische Ethnologie/Volkskunde

versteht sich als empirisch arbeitende Kulturwissenschaft, die ihren Fokus auf die Alltagskultur vorzugsweise in Deutschland, aber mit vergleichender Perspektive auf Europa legt. Ausgehend von der Prämisse, dass das Zusammenleben von Menschen grundsätzlich auf einer Vorstellung von sozialer Ordnung beruht, fragt sie nach den damit verbundenen kulturellen Praxen. Wie gestalten Menschen ihr Zusammenleben, welche Beziehungen gehen sie zu ihrer sozialen und natürlichen Umwelt ein und welches Bild machen sie sich von diesen Beziehungen, wie organisieren sie ihr Verhältnis zu Religion, Geschichte und Traditionen, wie werden Identitäten geschaffen und ausgehandelt – kurzum: es geht um die scheinbar so einfache Frage nach der alltäglichen Lebensgestaltung. Dabei arbeitet die Europäische Ethnologie/Volkskunde sowohl historisch als auch gegenwartsbezogen, indem sie Kultur als sozial be­dingt und geschichtlich geprägt versteht und zugleich ihre wesentliche auf die Gesellschaft zurückwirkende Bedeutung betont. Charakte­ristisch ist ihre thematische, methodische und theoretische Breite, die sich in einer starken Interdisziplinarität widerspiegelt.

An manchen deutschen Universitäten trägt das Fach Namen wie Kulturanthropologie (Göttingen, Frankfurt/M., Mainz) oder Empirische Kulturwissenschaften (Tübingen). Dabei handelt es sich nicht um unterschiedliche Disziplinen, sondern um jeweils institutsspezifische Fachbezeichnungen.

An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ist das Fach, wie an vielen anderen Universitäten auch, erst seit Mitte der 1960er Jahre als eigenständige Einrichtung vertreten. Seine Anfänge lassen sich hier bis in die Kameralistik und Staatenkunde des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Als universitäre Disziplin ist die Volkskunde aus der Germanistik des ausgehenden 19. Jahrhunderts hervorgegangen, die sich damals als Germanische Altertumskunde eher als umfassende Kulturwissenschaft denn als reine Philologie verstand. Eine wichtige Rolle spielten dabei Karl Müllenhoff (1818-1884) und Karl Weinhold (1823-1901), die beide an der Kieler Universität lehrten. Karl Weinhold ging nach Berlin und hat dort zu Beginn der 1890er Jahre mit der Gründung des „Vereins für Berliner Volkskunde“ und der Herausgabe der „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde“ die überregionale Grundlage für die universitäre Institutionalisierung der Volkskunde geschaffen. In Kiel sollte es noch mehr als ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Volkskunde ab 1959 mit der Berufung von Kurt Ranke (1908-1988) und in seiner Nachfolge Leopold Kretzenbacher (1912-2007), als erste dezidiert volkskundliche Professuren, zu einem selbstständigen Forschungs- und Lehrbereich innerhalb des Germanistischen Seminars wurde. Ihre Interessen galten v. a. der Erzähl- und Brauchforschung. Mit ihren einen weiten europäischen Horizont einbeziehenden Arbeiten gehörten sie zu den führenden Volkskundlern der damaligen Zeit.

 1966, mit der Berufung von Karl-S. Kramer (1916–1998) aus München, wurde das Seminar für Volkskunde begründet. Damit war auch ein Perspektivwechsel in der Ausrichtung der Kieler Volkskunde verbunden. Karl-S. Kramer hatte in seiner Münchener Zeit gemeinsam mit Hans Moser die „historisch-archivalische Methode“ mit dem Ziel einer „exakten Geschichtsschreibung der Volkskultur“ von 1500 – 1800 entwickelt. Damit erhielt das Kieler Institut einen seiner bis heute wichtigsten Forschungsschwerpunkte, nämlich die historische Volkskunde, die sich vor allem den Lebensverhältnissen und der kulturellen Praxis des 16. bis 20. Jahrhunderts widmete und die ihren Niederschlag in einer umfangreichen und sich ständig erweiternden Quellenkartei zur schleswig-holsteinischen Volkskultur bis in die Kaiserzeit gefunden hat. Daraus sind zahlreiche Forschungsprojekte und Veröffentlichungen sowie Magisterarbeiten und Dissertationen zur historischen Alltagskultur der dörflichen und städtischen Lebenswelt entstanden.

Die intensive Diskussion der letzten Jahrzehnte um Fachgeschichte und -inhalte, Methoden und theoretische Zugänge hat zu einer Neupositionierung der Volkskunde in der Wissenschaftslandschaft geführt, die sich auch in der in Kiel 2001 vollzogenen Umbenennung des Instituts in Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde ausdrückt. Europäische Ethnologie trägt der zunehmenden Internationalisierung der Wissenschaften als auch der Transdisziplinarität von Forschung und Lehre Rechnung und meint ein Fachverständnis, das Kultur nicht in einem nationalen Horizont deutet, sondern nach dem Menschen und seinen kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten in europäisch vergleichender Perspektive fragt. Die nach dem Schrägstrich angefügte klassische Fachbezeichnung Volkskunde soll die Beibehaltung einer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung am Kieler Seminar signalisieren.