Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Aktuelle Forschungsprojekte

Dissertationsprojekt: Päderastie in der deutschen Jugendbewegung. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung.

Abstract zum Promotionsprojekt

Seit einigen Jahren verunsichern öffentlich gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs innerhalb von Gruppen in der Tradition der deutschen Jugendbewegung die dortige Szene. Es zeichnet sich ab, dass sexuelle Kontakte von Erwachsenen Mitgliedern mit Kindern und insbesondere adoleszenten Jungen keine Einzelfälle waren, sondern vor unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten seit der Gründung erster Wandervogelgruppen um 1900 nachweisbar sind. In Anlehnung an Vorbilder griechischer Päderastievorstellungen wurden hierzu eigene Legitimationsstrategien geschaffen und tradiert. Im Juni 2013 verurteilte das Landgericht Saarbrücken den Gruppenleiter einer Pfadfinder- und Wandervogelgruppe wegen sexuellen Missbrauchs an Schutzbefohlenen. Das Gericht kam in seiner Urteilsbegründung zu dem Schluss, dass neben reformpädagogischen- und katholischen Internatseinrichtungen die deutsche Jugendbewegung ein weiterer Bereich sei, wo an einigen Orten sexuelle Verhältnisse zu Minderjährigen akzeptiert und ideologisch legitimiert seien. Diesen Thesen will das Promotionsprojekt unter kulturwissenschaftlicher Fragestellung nachgehen. Wie formierten und tradierten sich päderastische Vorstellungen und Lebensweisen innerhalb jugendbewegter Alternativkultur vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext? In welchem Maße und wie prägten sie beziehungsweise ihre Protagonisten die dortige Alltagskultur und wurden zugleich durch diese geprägt? Was wurde dabei im Einzelnen unter päderastischen Vorstellungen bzw. denen eines „eros paidikos“ diskursiv und in der Alltagspraxis verstanden?

Zeitlich setzt die Studie mit den Anfängen der Wandervogelbewegung im deutschen Kaiserreich an, wo anlässlich der Veröffentlichung des Buches „Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der sexuellen Inversion“ durch Hans Blüher bereits 1912 eine umfangreiche Debatte zu diesem Thema geführt wurde. Im Laufe der jugendbewegten Geschichte durch das 20. Jahrhundert wird einer der Schwerpunkte auf der Zeit der 1970er bis 1980er Jahre liegen, wo sich innerhalb der neuen sozialen Bewegungen eine eigene Pädophilenbewegung herausbildete, die Querverbindungen zur Jugendbewegung erkennen lässt.

Neben archivalischer Quellenarbeit und der Auswertung jugendbewegter Publikationen und Bilder stellen qualitative Interviews mit Akteuren und Betroffenen aus den jugendbewegten Gruppen einen weiteren Zugang für die Studie.

Das Promotionsprojekt will nicht nur einen Beitrag zu den bereits vielfältigen Forschungen zur deutschen Jugendbewegung leisten, sondern darüber hinaus durch den kulturwissenschaftlichen Blickwinkel neue Erkenntnisse für die interdisziplinären Forschungen zur Päderastie, Pädosexualität und Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch erbringen.

 

Vorstudie „Sexuelle Gewalt im Rahmen der so genannten Pädosexuellenbewegung in Berlin“

Aufarbeitungsprojekt im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK) gemeinsam mit der Historikerin Iris Hax Aufarbeitungskommission (UKASK).


In West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre sowie in der 1990 wiedervereinigten Stadt haben pädosexuelle Aktivisten für die Straffreiheit sexueller Handlungen von Erwachsenen mit Kindern geworben. Einige bekennende Pädosexuelle wurden wegen sexuellem Kindesmissbrauch zu Haftstrafen verurteilt. Anhand von archivalischen Quellen, Betroffenenberichten und  Zeitzeugengesprächen widmet sich die Studie der Einbindung pädosexueller Strukturen in gesellschaftliche und alternative Milieus seit 1970. Neben vertiefenden Erkenntnissen zur sogenannten „Pädosexuellenbewegung“ und dessen Allianzen soll die Studie Aufschlüsse zur Quellenlage geben und bisherigen Forschungsdesiderate benennen.