Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Forschungsprojekte

Aktuelles Projekt „Religiöse Konversion als sozialer und kultureller Resonanzraum“ (Habilitationsprojekt)

Das direkte Mit- und Nebeneinander der Religionen kennzeichnet den Alltag in postmodernen, aber auch in segregierten konservativen Gesellschaften. Insbesondere in urbanen Räumen existieren meist vielfältige religiöse Angebote nebeneinander und konkurrieren auf einem „religiösen Markt“. Eine Konsequenz daraus ist, dass auch der Verbleib in einer religiösen Tradition, in welcher jemand sozialisiert wurde, nicht selbstverständlich ist. So verzeichnen gerade die großen religiösen Gemeinschaften eine wachsende Unverbindlichkeit und zugleich eine hohe Fluktuation ihrer Mitglieder. Sowohl der Wechsel von einer Religion zu einer anderen als auch der Übertritt von der Konfessionslosigkeit zu einer Religion lassen sich daher als Merkmale religiöser Mobilität benennen. Darüber hinaus ist eine Anreicherung der individuellen religiösen Einstellung mit Elementen unterschiedlicher Herkunft hin zu einer multiplen religiösen Identität zu beobachten, die insbesondere vor dem Hintergrund weltweiter Mobilitäts- und Migrationsprozesse sowie wachsender esoterischer Bewegungen noch verstärkt wird.

Zwar gelten Konversionen heute im europäischen Kontext als freie Entscheidungen der Individuen, sie verlaufen jedoch keineswegs konfliktfrei. Aktiv betriebene Glaubenswechsel werden oft zur Irritation, da sie, eingebettet in soziokulturelle Zusammenhänge, als lebensweltliche Übergänge, Einschnitte oder Wendepunkte sichtbar werden. Sie sind religiöse Marker, die immer auch stellvertretend für andere Komponenten stehen – seien diese politisch, ökonomisch, familial oder auch geschlechtsspezifisch. Hierin liegt die Relevanz einer volkskundlich-kulturanthropologischen Forschung zum Thema Konversion: Wenn man davon ausgeht, dass das Verhältnis von Religiosität, Kultur und Gesellschaft in den Momenten von Übergängen und Verschiebungen in besonderer Weise offenbar wird, dann muss die Konversion als wichtigster Übergang im Rahmen religiöser Praxis untersucht werden. Selbst wenn die Konversion des Individuums ausschließlich durch theologische Erwägungen motiviert ist, wird der Vorgang der „Bekehrung“ doch zutiefst bestimmt von den kulturellen, sozialen und politischen Kontexten, in denen er sich vollzieht, und beleuchtet damit in besonderer Weise, wie und wovon das wechselseitige Verhältnis von Religiosität, Kultur und Gesellschaft bestimmt ist.
Im Rahmen des Forschungsprojekts werden deshalb folgende Fragen erörtert: Wie können individuelle Rechte auf Religionsfreiheit und kollektive Rechte von Religionsgemeinschaften miteinander in Einklang gebracht werden? Wie wirken sich Konversionsprozesse auf die jeweiligen religiösen Herkunfts- und Zielgemeinschaften aus, und welche interreligiösen (Zwischen-)Räume und Grenzziehungen entstehen beim Ein-, Aus- und Übertreten von einer beziehungsweise zu einer Religionsgemeinschaft? Welche Sinn- und Bedeutungszuschreibungen geben die unterschiedlichen AkteurInnen der Konversion, und welche Deutungen, Wahrnehmungen, Bewertungen sind bei wem aus welchen Gründen dominant? Das Forschungsvorhaben widmet sich diesen Fragen in ethnografischer (u. a. qualitative Interviews, teilnehmende Beobachtung) und vergleichender (interreligiös) Perspektive sowie im europäischen Kontext.

Abgeschlossene Projekte

  • 2017/2018     „Bekenntnisse. Formen und Formeln“; gefördert durch die Hamburger Isa Lohmann-Siems Stiftung [zusammen mit Carsten Juwig, Lena Sommer]
  • 2011-2014     „Methoden der Kulturanthropologie”; gefördert durch Schweizerischer Nationalfonds, Mercator-Stiftung Schweiz, Nachwuchsförderung der Universität Basel, Freiwillige Akademische Gesellschaft Basel [zusammen mit Walter Leimgruber, Karoline Oehme-Jüngling]
  • 2009-2011    „Images of Illegalized Immigration. Towards a Critical Iconology of Politics”; gefördert durch Schweizerischer Nationalfonds, Freiwillige Akademische Gesellschaft Basel [zusammen mit Francesca Falk, Sylvia Kafehsy]