Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde

Aktuelle Forschungsprojekte

Provinzen der Kultur. Aneignungsweisen, Umdeutungen und Zuschreibungen

Prof. Dr. phil. Andreas Schmidt

Wie wird Kultur gesellschaftlich verfügbar gemacht? Wer erzeugt sie, wie greift sie in gesellschaftliche Praxis ein und welche Möglichkeiten hat der Einzelne, entlang der Selbstmächtigkeit von Kultur sich zum Ausdruck zu bringen? Gerade angesichts der vielfach geführten Diskurse um die Relevanz der Kultur als analytischem Begriff, die im Ergebnis Kultur immer mehr ins Abseits drängen, stelle ich die je individuelle, die transaktionale/figurative und die selbstmächtige Logik von Kultur heraus. Kultur als Emanation (individuell, transaktional/figurativ) und Kultur als Fetisch (selbstmächtig) standen und stehen stets in einem wechselseitigen Verhältnis, doch hat die normative Kraft kultureller Produkte und Ausdrucksformen in den letzten Jahrzehnten nachgelassen. Kultur als Emanation wurde entsprechend wirkmächtiger. In der Folge kann nicht mehr von einer Kultur gesprochen werden (Gesellschaft = Kultur), sondern nur noch von Provinzen, also emotionalen und kognitiven Verdichtungen, die wiederum von den Subjekten Kompetenzen und Ausdrucksmöglichkeiten einfordern (Virtuosität), die diese sich aufwendig aneignen müssen.

Teilprojekt 1: Befragung des Alltags (abgeschlossen)
Befragung des Alltags (Praxis und Kultur, 5). Göttingen 2018. 

Teilprojekt 2: Kultur - Alltag - Werte

„When Worlds collide“ - Metal und Hardcore als kreative Welten. Zum Verhältnis von Kreativität, Praxis und Lebenswelt in (Musik)Szenen. (Arbeitstitel).

Peter Hinrichs, M.A.

Mein Forschungsinteresse im Feld der Metal Studies fokussiert sich auf die kreativen Prozesse, die aus dem Verhältnis zwischen Einzelnen und Vielen hervorgehen. Die Metal- und Hardcore-Szene als Kollektive bilden in dieser Hinsicht einen soziokulturellen Rahmen in den Formen der Agency in Relation zu einer spezifischen symbolischen Ordnung stehen. In meiner laufenden Promotion beschäftige ich mich vor allem mit dieser Spannung zwischen Kollektiv und Individuum, den dabei identifizierbaren  Formen von Subjektivierung und Praxis, die zwischen Handlungspotenzial und Handlungsbeschränkung oszillieren. Kreativität bildet in dieser Hinsicht einen Schlüsselbegriff, dessen mannigfaltige Bedeutungen in unterschiedlichen Diskursen, wie den mythischen Bezügen aus der griechischen Antike und frühen Philosophie, den Vorstellungen aus Kunst und Ästhetik sowie Modellen aus der Psychologie,  Veränderungen und Erneuerungen erkennen lassen.


Aus einer kulturanthropologischen Perspektive der Europäischen Ethnologie/Volkskunde erforsche ich die kreativen Potenziale in der Metal- und Hardcore-Szene mit empirischen Ansätzen, die sich aus Interviews, Medientextanalysen und teilnehmenden Beobachtungen speisen.

English Summary:

This contribution deals with creativity in the context of metal and hardcore scenes. The forms of creative und thus musical expression can be interpreted as results of a dialectical relationship between the individual and the scene's culture. My research will highlights this process and discusses the various semantic shifts of creativity that occur throughout the genres.

 

Päderastie in der deutschen Jugendbewegung. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung.

Sven Reiß, M.A.

Abstract zum Promotionsprojekt

Seit einigen Jahren verunsichern öffentlich gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs innerhalb von Gruppen in der Tradition der deutschen Jugendbewegung die dortige Szene. Es zeichnet sich ab, dass sexuelle Kontakte von Erwachsenen Mitgliedern mit Kindern und insbesondere adoleszenten Jungen keine Einzelfälle waren, sondern vor unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten seit der Gründung erster Wandervogelgruppen um 1900 nachweisbar sind. In Anlehnung an Vorbilder griechischer Päderastievorstellungen wurden hierzu eigene Legitimationsstrategien geschaffen und tradiert. Im Juni 2013 verurteilte das Landgericht Saarbrücken den Gruppenleiter einer Pfadfinder- und Wandervogelgruppe wegen sexuellen Missbrauchs an Schutzbefohlenen. Das Gericht kam in seiner Urteilsbegründung zu dem Schluss, dass neben reformpädagogischen- und katholischen Internatseinrichtungen die deutsche Jugendbewegung ein weiterer Bereich sei, wo an einigen Orten sexuelle Verhältnisse zu Minderjährigen akzeptiert und ideologisch legitimiert seien. Diesen Thesen will das Promotionsprojekt unter kulturwissenschaftlicher Fragestellung nachgehen. Wie formierten und tradierten sich päderastische Vorstellungen und Lebensweisen innerhalb jugendbewegter Alternativkultur vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext? In welchem Maße und wie prägten sie beziehungsweise ihre Protagonisten die dortige Alltagskultur und wurden zugleich durch diese geprägt? Was wurde dabei im Einzelnen unter päderastischen Vorstellungen bzw. denen eines „eros paidikos“ diskursiv und in der Alltagspraxis verstanden?

Zeitlich setzt die Studie mit den Anfängen der Wandervogelbewegung im deutschen Kaiserreich an, wo anlässlich der Veröffentlichung des Buches „Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der sexuellen Inversion“ durch Hans Blüher bereits 1912 eine umfangreiche Debatte zu diesem Thema geführt wurde. Im Laufe der jugendbewegten Geschichte durch das 20. Jahrhundert wird einer der Schwerpunkte auf der Zeit der 1970er bis 1980er Jahre liegen, wo sich innerhalb der neuen sozialen Bewegungen eine eigene Pädophilenbewegung herausbildete, die Querverbindungen zur Jugendbewegung erkennen lässt.

Neben archivalischer Quellenarbeit und der Auswertung jugendbewegter Publikationen und Bilder stellen qualitative Interviews mit Akteuren und Betroffenen aus den jugendbewegten Gruppen einen weiteren Zugang für die Studie.

Das Promotionsprojekt will nicht nur einen Beitrag zu den bereits vielfältigen Forschungen zur deutschen Jugendbewegung leisten, sondern darüber hinaus durch den kulturwissenschaftlichen Blickwinkel neue Erkenntnisse für die interdisziplinären Forschungen zur Päderastie, Pädosexualität und Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch erbringen.

 

Forschungsprojekte

Martina Maria Röthl, PhD

 

  • 2016: „Private“ Angehörigenpflege? Zur Subjektposititon des männlichen caregivers (Einzelfallstudie, Feldaufenthalt in Bristol, UK)

  • 2010 bis 2015: „Normale Leute“. Tiroler Privat(zimmer)vermietung, Torurismus als Dispositiv und die Aneignung von Subjektivität. (Gefördert von der Österreichischen Akademie der Wisenschaften, dem Vizerektorat für Forschung (LFU) und dem Tiroler Wissenschaftsfonds)

  • 2008/09: „Was heißt hier Balkan? Ex- bzw. postjugoslawische Zuwanderinnen in der Marktgemeinde Telfs. Selbst- und Fremdzuschreibungen nach ´ethnischen´ Kategorien.
     

 

Laufendes Forschungsprojekt

 

Zum Subjektivierungspotenzial „feministischer“ Diskurse
Bezugnahmen auf die Kategorie Geschlecht als identitätsstiftende Praxis


Das im Bereich der Geschlechterforschung angesiedelte Projekt zielt auf Subjektivierungspotenziale, die feministische Diskurse bereithalten. Bezugnahmen auf die Kategorie Geschlecht sind als identitätsstiftende Praktiken aufgegriffen, die mit – jeweils zu identifizierenden – dispositiven Bedingungen korrespondieren. Antifeministische bzw. so genannte „antigenderistische“ Diskurse werden als Gegendiskurse untersucht, die Rückvermittlung betreffende Aspekte werden von vorneherein mitgedacht.

Die Untersuchung setzt bei biographischen Repräsentationen von Personen an, die sich selbst als Feministinnen/Feministen verstehen. Mithilfe von Schreibaufrufen und narrativen Interviews wird Datenmaterial generiert, das zunächst im Hinblick darauf untersucht wird, was die Akteurinnen und Akteure überhaupt als feministischen Diskursen zugehörig ausweisen. Ziel ist hier u.a. die Klärung der Frage, wovon die Rede ist, wenn aktuell von Feminismen (Plural) gesprochen wird. In weiteren Schritten wird untersucht, welche Subjektivierungsangebote die Akteurinnen und Aktuere implizit oder explizit als ermöglichend beschreiben (Analyse der Vorgabenseite) und wie sie solche praktisch aufgreifen (Subjektivierungs- und Aneignungsweisen, „tatsächliches“ Aufgreifen von Identitätsangeboten). Gleichzeitig werden aber auch als solche beschriebene Überforderungen in den Blick genommen, die mit aus feministischen bzw. frauenemanzipatorischen Diskursen stammenden Subjektvorgaben in Zusammenhang stehen.

Da identitätsstiftende Praktiken mit jeweils bestimmten Formen von Subjektivität zusammenspielen und der empirischen Frage nach den Aneignungspraktiken die Frage nach der Genese emotionaler Verfasstheiten implizit ist, sind Ergebnisse zu erwarten, die im Hinblick auf die Entwicklung von Rückvermittlungsstrategien (Rückvermittlungskonzepte, Kulturvermittlung, Praxistransfer) anschlussfähig sind.

 

Lehrforschungsprojekt

 

„Ich und Du. Neue (?) Formen des Zwischenmenschlichen“ (Winter‐ und Sommersemester 2017/18)
Im Rahmen des zweisemestrigen Lehrforschungsprojektes „Ich und Du. Neue (?) Formen des Zwischenmenschlichen“ (Winter‐ und Sommersemester 2017/18) wurde die Ausstellung „was ist mehr_wert?“ konzipiert, die vom 22.10.2018 bis zum 14.12.2018 in der Universitätsbibliothek der Christian‐Albrechts‐Universität zu sehen war. Die Ausstellung nahm sich des Themas der Kritik an, welche sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart an der Kommerzialisierung der Kieler Woche geübt wurde. Der Blick war stark auf die Gegenbewegungen und die Alternativen zur Kieler Woche gerichtet, etwa den MUDDI Markt und die historische „Kieler Herbstwoche“, als deren symbolische Fortführung die Ausstellung zu verstehen war.

Ausstellungsbroschüre "wert-fragmente"

Bilder zur Ausstellungseröffnung

 

 

Verbindlich unverbindlich? Aushandlung und Gestaltung von (Liebes-) Beziehung(en) angesichts zunehmend vielfältiger Partnerschaftskonzepte

Kristin Riedelsberger M.A.

Eine ausführliche Darstellung folgt.